Die Sage vom Salzmännchen
 



 


Es war zu einer Zeit, da Zittau das Salzstapelrecht verliehen bekommen hatte, dass ein junger Schneiderbursche gar großen Gefallen an der Tochter des Wirts des Gasthauses "Zur Salzpfanne" im Salzhaus fand und nach einigem Zögern wagte, bei dem reichen Vater um ihre Hand anzuhalten. Der Wirt hatte für seine Tochter besseres erhofft als einen armen Schneider und so verwehrte er dem Burschen sein Anliegen. Da ihm der Junge aber nicht unsympathisch war und ein wenig leid tat, lud er ihn in sein Haus zum Abendessen ein. Er ließ ihm einen ordentlichen Krug gutes Bier zum Mahle reichen. Der junge Schneider war aber das Trinken nicht gewöhnt und war, als er das Wirtshaus verließ, in seinem Kummer recht rührselig geworden.

Laut klagend lief er durch die Straßen Zittaus zu seinem Elternhaus und berichtete auf dem Heimweg jedem, der ihm über den Weg lief, von seinem Elend. Als er es noch laut jammernd dem Wachhund vorm Salzhaus verkünden wollte, vernahm er neben sich eine Stimme:
"Durch Jammern wird dir der Wirt seine Tochter auch nicht zur Frau geben. Verdien dir einen Batzen Geld oder wenigstens einen guten Namen, dann wird er sich wohl noch einmal bedenken..." Und dann erzählte ihm das dicke Männchen, zu welchem die Stimme gehörte, von dem geizigen Kaufmann, der eben im Wirtshaus Quartier bezogen hatte. Dieser war mit seinen vielen Fuhrwerken durchs Zittauer Stadttor gefahren und wollte sich um seine Schuldigkeit drücken. Mit dem Salzstapelrecht war zu jener Zeit für alle Fuhrwerke die Pflicht verbunden, der Stadt das mitgeführte Salz unaufgefordert anzubieten. Der geizige Kaufmann hatte, um diese Auflage zu umgehen, dreist behauptet, er würde nur Stoffe und Töpferwaren in seinen Wagen mit sich führen.

Der junge Schneider war überrascht, hatte er doch immer geglaubt, dass das Salzmännlein, welchem er soeben begegnet war, nur eine Legende sei. Den Geschichten zufolge wusste es über jedes Korn Salz in der Umgebung Bescheid und trug Sorge, dass der Stadt Zittau nie das Salz knapp werden sollte, auf dessen Vorhandensein ihr Reichtum gründete.

Aber er merkte sich die Worte des Männleins gut und schlich noch in der selben Nacht zum Wirtshaus zurück. Tatsächlich fand er in einem der Fuhrwerke mehrere der wertvollen Salzkisten. Am nächsten Morgen, der betrügerische Kaufmann wollte eben die Stadt verlassen, stellte der junge Schneiderbursche sich wagemutig in den Weg des reichen Geschäftsmannes um ihn vor den Bürgern der Stadt Zittau zur Rede zu stellen. Der Kaufmann schrie ihn an: "Aus dem Weg du lumpiger Taugenichts, wenn du nicht unter die Hufe meiner Pferde kommen willst!" rief er und ließ die Wagen anfahren. Dem Schneider gelang es gerade noch zur Seite zu springen um den Tieren auszuweichen. Durch die jähe Bewegung des Burschen erschreckt, scheuten die Pferde und einer der Wagen kippte um. Die gesamte Ladung mitsamt den Salzkisten kullerte auf die Strasse. Der betrügerische Kaufmann war entlarvt und des Schneiders Verdienst in aller Munde. Der Bürgermeister, der ein gerechter Mann war, lobte den jungen Burschen und sorgte dafür, dass dieser eine Stelle bei der Stadtwache antreten konnte, damit er von nun an der Stadt Zittau weiter dienlich sein konnte.

Und wie es das Salzmännlein vorausgesagt hatte, bedachte der dicke Wirt den Antrag des Burschen nun noch einmal und nahm ihn zum Schwiegersohn. Der Bräutigam und seine schöne Braut aber vergaßen nie, wem sie ihr Glück zu verdanken hatten. Und in ihrem langen, zufriedenen Leben stand immer ein zusätzliches Gedeck auf ihrem Tisch: Nur für den Fall, dass es dem Salzmännlein einfallen sollte, die beiden noch einmal zu besuchen.